von VHS-Leiter Dietrich Pollmann

Ein schwieriger Anfang ...

 Dr. Franz Rodeck »Wetterfeste Schulräume gab es nicht, es fehlte an Büchern, an Bildgeräten, ja an Bänken und Schulmitteln aller Art.« So werden in einem Rückblick die Probleme beschrieben, mit denen die am 7.10.1946 mit einer Feier in der Turnhalle der Aloysiusschule eröffnete Volkshochschule der Stadt Gladbeck anfänglich zu kämpfen hatte. Dazu kamen die katastrophalen Lebensverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg mit Hunger, Arbeitslosigkeit und schlechten Verkehrsverbindungen. Dr. Franz Rodeck, der als Lehrer am Jungengymnasium (dem heutigen Ratsgymnasium) die VHS nebenamtlich führte, zusammen mit seinen Kursleitern wurde großer Einsatz und Idealismus abverlangt.

Die Menschen hatten einen regelrechten »Bildungshunger«, im Krieg Versäumtes nachzuholen. 435 Personen (darunter 181 Frauen) besuchten die 12 Vortragreihen und Arbeitsgemeinschaften des Herbsttrimesters 1946. Wegen des starken Andrangs mussten mehrere Kurse geteilt werden. Die Gebühr von 5 Reichsmark sollte für jedermann erschwinglich sein. Die VHS war damals noch eine reine Abendschule, denn alle Veranstaltungen fanden in der Zeit von 19.00 - 21.00 Uhr statt - übrigens in der Lambertischule mit jeweils 10 Doppelstunden.

Das Angebot der Volkshochschule war zu Anfang vorwiegend geisteswissenschaftlich ausgerichtet und hatte eine »zweckfreie« Allgemeinbildung in idealistischer Volksbildungstradition zum Ziel. Im Vordergrund stand das Schöngeistige und gelegentlich auch Elitäre. So finden sich im ersten Programm im Herbst 1946 als Angebote z.B. »Glaube und Wissenschaft«, »Wege der Gotteserkenntnis« oder »Zeugen deutscher Innerlichkeit im Wandel der Zeiten (Proben aus Dichtkunst und Malerei)«. Diese Veranstaltungen wie auch die bald eingeführten »musischen Zirkel« (z.B. »Laienspielkreis« und Volkshochschulorchester) fanden durchaus ein interessiertes bürgerliches Publikum. Daneben wurden die allgemeinbildenden Einzelvorträge ab 1953 sowie die beiden Universitätswochen 1954 und 1956 sehr gut besucht.

Allerdings war der selbst gestellte Anspruch der Volkshochschule, alle sozialen Schichten zu erreichen, so nicht einzulösen. Große Teile der Bevölkerung in der Bergbaustadt Gladbeck, vor allem Menschen mit Volksschulbildung wie Arbeiter, Handwerker und Hausfrauen, fühlten sich kaum angesprochen. Sie suchten Angebote zur Lebenshilfe und mit praktisch verwertbarem Wissen gerade auch zur Bewältigung ihrer materiellen Not.

Vorder- und Hinteransicht der Jovi Villa
Vorder- und Hinteransicht der Jovi Villa

Der nachlassende Zuspruch Ende der 40er Jahre, also die »Abstimmung mit den Füßen«, zeigte bei der VHS-Leitung durchaus Wirkung, denn trotz eher abgehobener Ansprüche setzte sich »schleichend« eine pragmatischere Linie durch. Die gut besuchten Kurse zur praktischen Lebensbewältigung wurden ausgebaut und ab 1950 zahlreiche berufsfördernde Lehrgänge für Buchführung, Fachrechnen, Maschinenschreiben oder Stenografie in das Programm aufgenommen. Es dauerte allerdings noch bis zu den 60er Jahren, ehe sich in den deutschen Volkshochschulen die »realistische Wende« voll durchsetzte. Fremdsprachen, nachträgliche Schulabschlüsse, berufliche Weiterbildung und andere »zweckorientierte« Sachbereiche erhielten im Rahmen einer verstärkten Teilnehmerorientierung besondere Bedeutung einschließlich lernzielorientierter Curricula mit entsprechenden Leistungszertifikaten.

Doch noch einmal zur Anfangsphase unter Dr. Rodeck: Eine systematische Aufarbeitung des Nationalsozialismus, wie es das Konzept einer »Re-education« der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg vorsah, hätte die Gladbecker VHS und ihre Teilnehmer sicherlich überfordert. Immerhin finden sich aber Ansätze politischer Bildung, die die demokratische Neuorientierung der Bevölkerung nach der Nazi-Diktatur unterstützten. Dazu gehörten Veranstaltungen wie »Gewerkschaftsfragen« und »Einführung in den Marxismus« (1946), »Ist Demokratie unbequem?« und »Wir bauen ein neues Europa« (1952) oder die 1951 aufgenommenen Angebote von »Arbeit und Leben« in Zusammenarbeit mit dem DGB.

Die Teilnehmerzahlen waren bis Ende der 50er Jahre auf über 2.500 Belegungen jährlich angestiegen; dazu kamen noch zahlreiche Besucher von Vorträgen. Ein weiterer Ausbau der Volkshochschule ohne professionellere Grundlage wäre kaum möglich gewesen. Deshalb wurde am 15.2.1962 mit Günther Zaudtke der erste hauptamtliche Direktor mit der Leitung der VHS betraut.

... und eine rasante Entwicklung

Günther Zaudtke, erster hauptamtlicher VHS-Leiter in GladbeckIn der Folgezeit nahm die VHS eine stürmische Entwicklung. Für eine Stadt der Größe Gladbecks damals ungewöhnlich erhielt die Volkshochschule bereits 1964 ihr eigenes Gebäude, das heutige Fritz-Lange-Haus in der Friedrichstr. 7. Hohe Steigerungsraten bei den Teilnehmerzahlen, Veranstaltungen und Unterrichtsstunden konnten verzeichnet werden. Sichtbarer Ausdruck dafür waren die langen Warteschlangen zu den Anmeldetagen.

Neue Angebote wurden in das Programm aufgenommen. Dazu zählten Foto- und Gymnastikkurse, kleines Sinfonieorchester, Bläsergruppe, Kurse zur Eltern- und Familienbildung, Studienfahrten in immer fernere Länder und ab Mitte der 60er Jahre die ersten Kurse "Deutsch für Ausländer". Daneben fanden Filmnachmittage und Gesprächsrunden der ab 1965 aufgenommenen Seniorenarbeit der VHS starken Anklang.

Besonderes Gewicht unter dem Dipl.-Politologen Zaudtke erhielt die historisch-politische Bildung. Dazu gehörten deutschlandpolitische Seminare in Berlin, Veranstaltungen zur Gladbecker Stadtgeschichte und namhafte Vortragsreferenten wie Klaus Bölling, Prof. Kurt Mikat und Johannes Rau. Außerdem gelang es der VHS immer wieder, ein Forum gesellschaftlich-kultureller Zeitströmungen zu bieten, so etwa mit mehreren gut besuchten Veranstaltungen zu den Auseinandersetzungen der »68er-Zeit« oder mit einer Vortragsreihe über die damals noch anstößig wirkende Popmusik im Herbst 1968.

Wichtig für den Erfolg der Volkshochschule war sicherlich die sich allgemein durchsetzende Einsicht in die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens. Viele Menschen hatten das Bedürfnis, »an sich zu arbeiten und sich weiterzubilden in unserer sich ständig wandelnden Welt«, so Oberbürgermeister Günter Kalinowski im Grußwort 1966.

Anmeldung 1979
Warteschlange bei der Anmeldung 1979

Einen weiteren »Schub« bot die vom Rat der Stadt 1972 eingeführte Entgeltfreiheit. Mit Ausnahme von Studienfahrten und Wochenendseminaren wurden für VHS-Angebote keine Teilnehmerbeiträge erhoben - bei einer entsprechenden Steigerung der städtischen Zuschüsse für die Volkshochschularbeit. Im Zuge des weiteren Ausbaus der VHS-Organisation auf der Basis des neuen Weiterbildungsgesetzes für NRW, das die Unterhaltung einer Volkshochschule zur kommunalen Pflichtaufgabe erklärte, wurden bis 1978 drei hauptamtliche pädagogische Mitarbeiter eingestellt. Das Angebot konnte beträchtlich gesteigert werden, so dass die Einrichtung 1980 mit 20.808 durchgeführten Unterrichtsstunden das umfangreichste Programm ihrer bisherigen Geschichte präsentierte.

Angesichts dieser günstigen Entwicklung traf der folgende Einbruch die VHS umso härter. Die immer deutlicher werdenden Finanzprobleme der öffentlichen Haushalte führten zu einer Reduzierung der Landeszuschüsse und ab 1981 in Gladbeck zur Wiedereinführung von Kursentgelten mit deutlichen Rückgängen bei den Teilnehmerzahlen und einem verringerten Angebot.

Ein neues Haus der VHS

Eröffnung des Haus der VHS mit Kultusminister Jürgen GirgensonIn diese schwierige Zeit fiel die Eröffnung der restaurierten »Jovy-Villa« in der Friedrichstr. 55 als heutiges »Haus der VHS« am 27.5.1983. Neben dem Fritz-Lange-Haus, das bis heute für Unterrichtszwecke genutzt wird, boten sich hier mit Schreibmaschinensaal, Fotolabor und speziellen Fachräumen für Kreativkurse ganz neue Möglichkeiten. Der Tiefpunkt war überwunden, denn in den Folgejahren konnte das VHS-Programm bei wachsendem Publikumsinteresse schrittweise ausgebaut werden. Vor allem der Siegeszug des Computers ließ die Nachfrage kräftig ansteigen, so dass sich der Fachbereich EDV in den 90er Jahren neben den Fremdsprachen zum zentralen Angebotsfeld entwickelte.

Weitere Aktionsfelder der VHS

Unter dem Eindruck steigender Arbeitslosigkeit begann die VHS, in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt Maßnahmen zur Qualifizierung Arbeitsloser zu organisieren. VHS-Leiter Arnold Spicker, der 1972 als hauptamtlicher pädagogischer Mitarbeiter und stellvertretender Leiter in die Volkshochschule eingetreten war, entwickelte mit großem Engagement ab 1983 ein umfangreiches Programm insbesondere für Bildungsbenachteiligte. Dazu zählten die Deutschlehrgänge für Aussiedler sowie Qualifizierungen zur Altenpflegehelferin, zur Fremdsprachensekretärin oder für EDV-Sachbearbeitung. Diese aus Drittmitteln finanzierten Auftragsmaßnahmen weiteten sich enorm aus und bekamen bis 1990 mit über 16.000 Unterrichtsstunden jährlich einen ursprünglich nicht erwarteten Stellenwert.

Vor allem durch Änderungen im Arbeitsförderungsgesetz brach diese Entwicklung Anfang der 90er Jahre wieder ab. Im Mittelpunkt dieses Aktionsfeldes der VHS steht heute die Vermittlung nachträglicher Schulabschlüsse in Tageslehrgängen »Arbeiten und Lernen« für arbeitslose Jugendliche. Daneben hat die VHS von 1998 bis 2003 das "Bewerbungscenter Gladbeck" organisiert, das aber trotz guter Vermittlungserfolge wieder schließen musste, weil die Bundesagentur für Arbeit die Finanzierung nicht mehr sicherstellen konnte.

Maschinenschreibraum im neueröffneten Haus der VHS im Jahre 1983
Maschinenschreibraum im neueröffneten Haus der VHS im Jahre 1983

Als Kontrapunkt zu »Pornowelle« und »Kinosterben« startete 1978 mit großem Elan und bestem Publikumszuspruch das Kommunale Kino der VHS in der Regie von Fachbereichsleiter Ralf Michalowsky - mit dezentralen Spielstellen in einigen Stadtteilen. Als erster Film stand am 19.10.1978 Charlie Chaplins »Goldrausch« auf dem Programm. Nach fünf Jahren mit 16-mm-Filmen wurde die Stadtbücherei gebaut. Im Oktober 1983 konnte das Koki dort im Untergeschoss das Filmstudio mit seinen 180 Plätzen in Betrieb nehmen. Anfänglich wurden vor allem Filmreihen, politische Filme, fremdsprachige Filme im Originalton und Cineasten-Angebote präsentiert.

Inzwischen ist das Programm deutlich konzentriert auf aktuellere Qualitätsfilme, die ein breiteres Publikum ansprechen. Neben regelmäßigen Vorführungen für Erwachsene jeweils am Freitag werden auch Filme im Kinderkino sowie spezielle Schulveranstaltungen angeboten.

Schließlich unterstützt die VHS die Gladbecker Städtepartnerschaften. Im Mittelpunkt dieses Aktionsfeldes, das durch die 2002 unerwartet verstorbene Fachbereichsleiterin Frauke Trapp erfolgreich ausgebaut wurde, steht die enge Verbindung zu Marcq-en-Baroeul in Nordfrankreich mit den Weihnachtsmärkten (1986 - 2003) und dem seit 1974 jährlich stattfindenden »Linguistentreffen« über Pfingsten.

Und die VHS heute?

Seit November 1994 leitet Dietrich Pollmann die Gladbecker Volkshochschule - nach Tätigkeiten als Fachbereichsleiter bei der VHS Rheine und als Referatsleiter bei der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld.

Nach dem Selbstverständnis des heutigen, hauptamtlichen VHS-Teams ist die Volkshochschule ein modernes Dienstleistungsinstitut - kundenorientiert, flexibel und stets seiner sozialen Verantwortung als städtische Einrichtung bewusst.

 

Dietrich Pollmann im Gespräch mit Carmen Thomas
VHS-Leiter Dietrich Pollmann im Gespräch mit Carmen Thomas

Die VHS bietet ein umfangreiches, an den Interessen und Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger orientiertes Programm. Schwerpunkte bilden die Kurse für Fremdsprachen, EDV und Gesundheit/Fitness - nicht zu vergessen die zahlreichen Angebote zum musischen und kreativen Gestalten. Daneben veranstaltet die Volkshochschule historisch-politische Informations- und Diskussionsabende (»VHS als Forum«) sowie interessante Lichtbildervorträge. Immer beliebter sind Exkursionen und Führungen, weil sich hier die verbreitete Unternehmungslust und anschauliche Bildungsarbeit verbinden. Bewährte Standardangebote werden durch neue Ideen, aktuelle Themen und attraktive »Highlights«, insbesondere zu den beliebten Semestereröffnungen, ergänzt.

Von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung sind die von Fachbereichsleiterin Martina Galla betreuten Lehrgänge für nachträgliche Schulabschlüsse sowie die neuen zahlreichen "Integrationskurse" für Migranten in der Verantwortung von Fachbereichsleiterin Karin Hornig-Bilo. Überhaupt sind Integration und das Zusammenleben in der Stadt in Zeiten des schnellen Wandels wichtige Herausforderungen, denen sich die VHS zukünftig verstärkt zuwenden wird.

Die Volkshochschule ist als öffentliches Weiterbildungszentrum eine wichtige Dienstleistung der Stadt für ihre Bürgerinnen und Bürger, so Bürgermeister Ulrich Roland in seinem Grußwort. Lernen bei der VHS Gladbeck soll qualifizieren, soziale Kontakte fördern und Spaß machen. So sieht es wohl auch die Bevölkerung. Jedenfalls ist die Resonanz sehr erfreulich, was die gestiegenen Belegungszahlen zeigen: Jedes Jahr besuchen ca. 12.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die rund 700 Veranstaltungen der VHS.

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